31Okt
2006

42 Kilometer

So ein Marathon ist ganz schön anstrengend. Insbesondere sind die Nachwirkungen eine recht spürbare Angelegenheit. Der Zieleinlauf liegt schon fast 24 Stunden zurück und ich fühle mich immer noch ziemlich platt. Die Oberschenkel machen sich bei jedem Schritt bemerkbar. Diese nachwirkende Erschöpfung hatte ich so nicht erwartet. Dennoch, die satte Zufriedenheit hält nach wie vor an. Das geschafft zu haben, auf das ich seit Wochen geradezu hingearbeitet habe, ist ein wohltuendes Gefühl.

Schon die ganzen letzten Tage schwirrten mir die Laufmantras durch den Kopf und heizten den Adrenalinspiegel an. Natürlich das Ankommen-Mantra. Nachdem es mir tatsächlich gelungen ist, über Wochen hinweg halbwegs den Trainingsplan einzuhalten, wäre ein frühzeitiger Ausstieg schon arg frustrierend. Und dann die Zeitenmantras. Marschtabellen, welches Tempo ich ohne zu großes Risiko gehen könnte. Ein Kampf zwischen den Vernunftsstrategien und den in mir schlummernden Ehrgeiz. Die Vernunft sagte, laufe ganz gemütlich ohne Stress und es ist total egal, ob am Schluß 4:15, 4:30 oder mehr auf der Uhr abzulesen ist. Letztendlich bin ich ja noch nie einen Marathon gelaufen, also sollte Ankommen wirklich genug sein. Der Ehrgeiz hingegen beschäftigte sich ständig damit, ob vielleicht eine Drei vor dem Doppelpunkt möglich ist, um dann gleich wieder von dem Vernunftsmantra zur Vorsicht ermahnt zu werden.

Der seit Wochen mit Spannung erwartete Tag beginnt vollkommen anderes als erwartet. Ein dickes Frustgefühl macht sich morgens in mir breit. Der Himmel ist düster und grau. Die Aussicht auf einen Regenlauf finde ich einfach nur ernüchternd. Außerdem habe ich das Körpergefühl und die entsprechende Gemütslage, die ich von einer aufkommenden Erkältung kenne. Die verregnete Wanderung vom Vortag hat wohl Spuren hinterlassen. So mies wie an diesem Morgen habe ich mich seit Wochen nicht gefühlt und das ausgerechnet am Tag des Messemarathons. Bei irgendeinem 10 oder 20 Kilometer Volkslauf, für den es einen nahe liegenden Ausweichtermin gegeben hätte, hätte ich wahrscheinlich einen Rückzieher ernsthaft in Betracht gezogen. So jammere ich einfach, ob der bescheidenen Wetterbedingungen etwas herum. Ausgerechnet heute, am Tag meines ersten Marathons.

Kurz vor 10:00 Uhr breche ich zum Start Richtung Messe aus. Ich freue mich, dass das Reh mitkommt. Am Himmel vollzieht sich jetzt eine meteorologische Wende. Blaue Lücken sind zu entdecken und immer mehr kommt die Sonne heraus. Überall tauchen Gruppen auf, die, wie leicht an den roten Rucksäcken zu erkennen ist, den Start als Ziel haben. Die ganze Stadt scheint heute marathonisch zu sprechen.
42km-1
Die Läufer und ihre Begleiter sammeln sich um die Festhalle herum und in der Halle 1. Das Areal wirkt wie ein riesiger Ameisenhaufen. Überall wird sich umgezogen, mit irgendwelchen Salben und Ölen eingerieben, gedehnt und gestreckt und selbstverständlich kräftig fachgesimpelt. Da es sich mittlerweile deutlich erwärmt hat, wechsele ich auch noch einmal den Kampfanzug. Vor den Toiletten haben sich lange Schlangen gebildet. Hier und da spielt Musik, gut gelaunte Aufregung hängt überall in der Luft und vereint sich zu einer tollen Stimmung.

Um 10:45 begebe ich mich in den Rosbacher Startblock. Das ist ziemlich weit hinten. Die Startlinie ist von hier nicht einmal zu sehen. Es ist schon so voll, dass ich mich nur mit Mühe noch hineindrängen kann. Über 11.000 Teilnehmer für den Marathon haben sich jetzt hier aufgereiht. Dazu gesellen sich noch ein paar tausend Staffelläufer. Frau Reh hat sich kurz vorher verabschiedet. Sie will nicht versehentlich in den Startblock gelangen, um dann womöglich 42 Kilometer laufen zu müssen. Über die Lautsprecher ertönen die Vorstellung der Spitzenläufer und die Animationen der HR-Reporter. Der Countdown zum Startschuss wird von der Menge mit einem rhythmischen Klatschen begleitet. Punkt 11:00 geht es los, d.h. geht es für die Cracks los. Wir hier hinten bleiben stehen. Es bewegt sich erstmal nichts. Es dauert bei dieser Menge erstmal fünf Minuten, bis kleine Schritte nach vorne möglich sind. Weitere fünf Minuten benötige ich bis zur Startlinie, über der das Zirpen der Messmatten, die die Chips registrieren, hängt. Ich drücke auf die Stoppuhr und bin unterwegs.
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Bei der ersten Kilometermarke zeigt meine Uhr 5:36 Minuten. Das ist ein moderates Tempo, bei dem nicht die Gefahr besteht am Anfang von der Meute zu sehr mitgerissen zu werden. Kurz vor Kilometer 2 sehe ich erst- und einmalig die Topläufer, die uns auf der anderen Straßenseite entgegenkommen. Die befinden sich jetzt kurz nach Kilometer 6. Ich habe für mich eine erste Dreiergruppe ausgemacht, an der ich mich zunächst orientiere. Nach fünf Kilometer gibt es den ersten Versorgungsstand. Ich hole mir einen Becher Wasser, um frühzeitig Flüssigkeit aufzunehmen. Die Stoppuhr zeigt jetzt knapp 27 Minuten an. Ich bin also ein wenig schneller geworden, ohne dass ich das bemerkt habe. Bei 10 Kilometer liege ich bei 53 Minuten. Das sind vier Minuten unter der 4-Stunden Marschroute. Für einen 10 oder 20 Kilometerlauf ist das für meinen Trainingsstand ein gemütliches Tempo, aber bei einem Marathon gibt es eben noch weitere 22 Kilometer. Ich beschließe daher jetzt leicht abzubremsen, um bis Kilometer 20 einen 5:30-Schnitt zu laufen.

Obwohl man ständig nur läuft ist so ein Marathon überhaupt nicht langweilig. Längs der Strecke herrscht eine Bombenstimmung. Die Sambatrommeln wirken richtig beschwingend. Zwei- oder dreimal verfalle ich in kleine Tanzschritte, als ich an ihnen vorbeikomme. Die Menschen am Straßenrand winken und feuern uns Läufern mit unseren Vornamen, die auf den Startnummern aufgedruckt sind, an. Kinder und Jugendliche halten ihre Hände zum Abklatschen entgegen. Ich mache das Spiel hin und wieder mit. Das macht Spaß. Ich komme durch Gegende der Stadt in denen ich noch nie war. In Schwanheim stehen lauter kleine Einfamilienhäuser und in den Vorgärten werden teilweise ganz Marathonparties veranstaltet. An manchen Ecken haben die Anwohner zusätzlich Camping- oder Tapeziertische aufgestellt und verteilen Wasser. Irgendwo in höchst steht ein Altfreak mit urtümlichem Verstärker und E-Gitarre und gibt mit schepper Stimme Rockklassiker zum Besten. Der steht jedes Jahr hier, erzählt mir ein Mitläufer.
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Bei jeder Kilometermarke kontrolliere ich die Zeit. Es gelingt mir sehr konstant zu laufen und die Schwankungen auf 15 Sekunden einzugrenzen. Alle fünf Kilometer hole ich mir einen Becher Wasser. Das ist kein so einfaches Manöver, da es an den Versorgungsstellen eng ist und viele Läufer einfach stehen bleiben. Ich will aber auf jeden Fall nicht aus dem Rhythmus kommen und wieder anlaufen müssen. Ab Kilometer 15 esse ich kurz vor den Getränkeposten ein kleines Stück von diesen Powerriegeln, die ich dabei habe. Das Zeug ist irgendwie gummiartig und macht einen trockenen Mund. Aber ich will sicher gehen, nicht in einen Hungerast hineinzulaufen. Die angebotenen Bananenstückchen nehme ich dann regelmäßig als Nachtisch mit.

Die 5:30-Strategie geht gut auf. Die Halbmarathon-Marke passiere ich deutlich unter 1:55 und damit ist das Ziel, unter 4 Stunden zu bleiben, erheblich näher gerückt. Ich nehme mir vor, Kilometer 30 mit 2:45 zu passieren und schaffe es dann tatsächlich in 2:43. Jetzt beginnt für mich langsam das unbekannte Terrain. Mehr als 32 Kilometer bin ich in der Vorbereitung nicht gelaufen. Zwar spüre ich meine Oberschenkel schon einige Zeit, aber Kreislauf und Puls scheinen vollkommen in Ordnung zu sein. Hungergefühle kündigen sich auch nicht an. Die Zeit bewegt sich an meinem oberen Erwartungshorizont. Das Ehrgeiz-Gen meldet sich. Soll ich eine Tempoverschärfung wagen, immerhin gibt es jetzt Hoffnung auf Rückenwind? Oder doch lieber abbremsen, um das Risiko vor dem berüchtigten Einbruch auf den letzten Kilometern zu senken. Ich behalte einfach meinen Schritt bei und durch den leichten Rückenwind laufe ich den Abschnitt bis Kilometer 35 tatsächlich eine Minute schneller als die 5er-Packs zuvor.

Noch 7 Kilometer. Wieder in den Körper horchen. Wieder die Zeiten hochrechnen. Was geht noch? Etwa 36 Minuten blieben mir, um die 3:45-Marke zu knacken. Nochmaler Weise nur ein anregendes Läufchen, aber mit 35 Kilometern in den Knochen eine reine Illusion. Jetzt schon das Tempo zu verschärfen kann nur scheitern. Vielleicht geht ja noch etwas auf den letzten zwei oder drei Kilometern. Also bleibe ich bei meinem Rhythmus und komme damit gut in die Innenstadt. An einigen Passagen ist die Strecke hier sehr eng. Die Zuschauer stehen ganz dicht am Rand. Ich bleibe zweimal hinter etwas langsamer laufenden Grüppchen hängen und komme nicht vorbei. Danach wieder in den eigenen Schritt zu kommen, kostet merklich Energie. Ich nehme mir vor, erst auf der Mainzer Landstraße, wo mehr Platz ist, eine Tempoverschärfung zu versuchen. Dort weht ein brutaler Gegenwind. Ich versuche zu zulegen, habe aber das Gefühl, dass mich eine unsichtbare Hand dauernd zurückschieben will. Mit Müh und Not laufe ich Kilometer 41 in 5:29, spüre aber wie langsam die Kräfte schwinden.
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Ich biege auf die letzte Gerade ein. Auch hier peitschen heftige Böhen über die Strecke. Am Ende sind das Startportal und der Messeturm zu sehen. Noch 800 oder 900 Meter. Ich wünschte das Startportal wäre schon das Ziel, aber das Ziel ist erst 300 Meter dahinter in der Festhalle. Dieser letzte Kilometer ist der Längste. Der Messeturm ist erreicht. Hinein in die Festhalle. Von der Stimmung dort bekomme ich nicht viel mit. Ich husche über die letzten Meter. Links und Rechts der Ziellinie stehen Cherleader, darüber weist die Uhr die Bruttozeit aus. Vorne steht immer noch eine Drei. Klasse! Ein letzter Griff zur Stoppuhr, um die Zeit zu nehmen. Ich wechsele vom Laufschritt zum Gehen. Schlagartig werde ich von der Erschöpfung total erfaßt. Irgendjemand hängt mir eine dieser Finishermedaillen um den Hals.

Geschafft!

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Trackbacks zu diesem Beitrag

elsalaska.twoday.net - 31. Okt, 18:35

Der Marathon-Man

Wer schon immer wissen wollte, wie... [weiter]
Windrider - 31. Okt, 12:21

Woaaawww!!! Gratuliere!

Das ist ja ein sehr spannender Bericht von deinem Marathon!! Und ich dachte, du hättest dich schon aus dem Bloggerleben verabschiedet, weil du nichts mehr geschrieben hast seit einiger Zeit. Aber kein Wunder, wenn du dich auf den Marathon vorbereitet hast. Nun erhol dich mal schön - und hast du noch Lust auf einen zweiten Marathon ;-))?
lieben Gruß Windrider

saintphalle - 31. Okt, 14:49

Er lebt! Und er ist wieder da! Juchhuh!!! Noch dazu mit so einem mitreißenden Bericht. Ganz große Klasse und Hut ab vor dieser Leistung! Ich schaue oft beim Hamburger Marathon zu und habe vor jedem einzelnen Läufer großen Respekt. Jetzt auch vor dir. :-)

marathon-fan (Gast) - 31. Okt, 18:18

juhuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuu
yibiiiieyeyeyey
mann mann mann.....
er lebt..... und wie !
so spannend hast du geschrieben, wie ein krimi und glückwunsch werter herr vierzichplus.... dicke fette stolze glückwünsche :-))))

40plusX - 31. Okt, 20:06

Uiii

Vielen Dank für die Glückwünsche und die herzliche Wiederbegrüßung. Ja, ja, ich sollte das Bloghäuschen doch wieder mehr pflegen. Es lohnt sich ja bei so netten Nachbarn.

zuckerwattewolkenmond - 31. Okt, 21:16

Wow!

Das ist ja unglaublich! Da hört man ewig nichts von dir und dann bist du plötzlich mal eben einen Marathon gelaufen. Wenn du loslegst, dann aber richtig, was? ;o)

schlafmuetze - 31. Okt, 22:34

Toll ;-)

Ich habe wirklich Achtung vor einer solchen Leistung.
Herzlichen Glückwunsch :-)

Frau Argwohn (Gast) - 1. Nov, 07:42

Ja und ich habe auch schon geargwöhnt, wo du wohl stecken magst.
Ich hoffe dieser Eintrag ist ein Comeback!

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heldentenor - 16. Sep, 17:43
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ich glaube, dies ist ein veganerblog hier. gestern...
rosmarin - 31. Jul, 19:52
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