11Jun
2006

WM: Volksfest

Ich habe verschwommene Erinnerungen an die 74er Weltmeisterschaft. Den Sparwasser-Schock, die Frankfurter Regenschlacht, des Bombers 2:1, den endlosen Sturmlauf der Holländer in der zweiten Finalhalbzeit und den Kaiser mit dem Pokal. Die hupenden Autokorsos in der Nacht nach dem 90er Finale habe ich auch noch im Ohr. Dennoch muss ich etwas überrascht feststellen, dass das zurückliegende Wochenende für mich ein in dieser Art doch einzigartiges Erlebnis war.

Des Kaisers WM nahm bei Kaiserwetter die gesamte Stadt ein. Das Straßenbild präsentierte sich noch internationaler als es auch sonst zu tun pflegt. In der Innenstadt, aber auch in den kleineren Stadtteilzentren wurde überall gefeiert und zwar auf eine angenehm fröhliche Art. Als bekennender Voyeur konnte ich es mir natürlich nicht nehmen, ausgiebig durch das Zentrum zu tingeln. Eigentlich wollte ich ja nur kurz Tommies gucken gehen, aber die ausgesprochen gute Stimmung hat mich dann eingefangen. Omnipräsent die Engländer, die singend und biertrinkend, aber letztendlich gut gelaunt und friedlich die Herrschaft über Römerberg und Mainufer eingenommen haben. Nur am Abend meinten einige von ihnen, ihren Ruf durch das Werfen von Bierflaschen so richtig gerecht zu werden. Da wäre das Drängen der Begleiterin nicht nötig gewesen, um mich davon zu überzeugen, um diese Szene doch lieber einen Bogen zu schlagen.

Neben den Engländern waren auch vielen andere Fußball Touristen unterwegs. Tanzend und singende Brasilianer und Portugiesen, fotografierende Japaner und Koreaner. Und wir Einheimischen sowieso. Am Main und auf der Fressgass reihten sich Stände, die festes und flüssiges zum Verzehr anboten. Natürlich immer begleitet mit einer Liveübertragung. Das Angebot wurde dankbar aufgenommen. Die Gassen waren voll, doch nicht so, dass es kein Durchkommen mehr gab. Hautfarben, Alter, Einkommensgruppen und Geschlechter mischten sich. Die Mischung erzeugte die Atmosphäre. In diesem Ambiente wirkte, wer wohl überlegt bekleidet beim stilvollen Show-Myself-Italiener wie dem Garibaldi saß, schon wieder stillos. Hier und da tummelten sich natürlich auch einige Dumpfbacken oder Zeitgenossen, die dem Alkohol zu viel gefrönt hatten. Aber das prägte nicht das Stimmungsbild, sondern Fröhlichkeit war der dominierende Taktgeber.

Fußballspiele gab es nebenher auch noch. Mir kam es vor, als ob die verursachende, schönste Nebensache der Welt wirklich eine reine Nebensache war. So richtig begeisternd war ja keiner dieser Mittelfeldblockade Kickereien. Jedenfalls können die Spiele selbst kaum diese Begeisterung verursacht haben. Die freudige Euphorie der Masse wurde wohl eher durch die der Masse eigenen Euphorie und den Sonnenschein angetrieben. Geradezu ein Perpetuum Mobile der Emotion. Die Masse begeistert sich eben dafür, wofür sich die Masse begeistert. Stellt sich also die Frage, was eigentlich die Masse begeistert. Wie dem auch sei, diesmal bin ich ordentlich und zufrieden in der Masse mitgeschwommen.

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Oliver (Gast) - 14. Aug, 11:46

Sollte es zur Frauen-WM nicht auch ein Volksfest geben? Initiiert von der Nationalmannschaft? Die schon vor dem ersten Spiel Weltmeister war... Was die Medien alles so anrichten können. Ich habe mich eher der U17-WM zugewandt. Die war fußballerisch hochwertiger!

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ライブチャット 素人 (Gast) - 6. Dez, 03:25
Sollte es zur Frauen-WM...
Sollte es zur Frauen-WM nicht auch ein Volksfest geben?...
Oliver (Gast) - 14. Aug, 11:46
Ente gut, alles gut...
...so sieht's aus. Ein paar Bilder aus'm Schlachthof...
heldentenor - 16. Sep, 17:43
ich glaube, dies ist...
ich glaube, dies ist ein veganerblog hier. gestern...
rosmarin - 31. Jul, 19:52
ok.... ich hab in meiner...
ok.... ich hab in meiner verzweiflung versucht, in...
rosmarin - 23. Jul, 01:05
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